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Online-Publikation
Erschienen: Juni 2011

Religiöse Legenden und sinnlicher Sinn

Religionskritiker und Humanist Schmidt-Salomon am 23. Juni 2011 beim Linken Forum Paderborn

by The U.S. National Archives at flckr

„‚Gott’ auf dem Prüfstand – Wozu noch Religion?“ Zu diesem Thema referierte und diskutierte der Philosoph und Sprecher der Giordano Bruno Stiftung Dr. Michael Schmidt-Salomon beim Linken Forum Paderborn. Weit über 100 Besucher verfolgten in der Cafeteria der Kulturwerkstatt die teils wissenschaftlich-kritischen, teils humorvollen und polemisch zugespitzten Ausführungen zu religiösen Legenden, der Macht der Kirchen und einer zeitgemäßen Ethik, moderiert von Dr. Markus Hentschel, Schulreferent des evangelischen Kirchenkreises Paderborn.

Was ist von biblisch überlieferten Erzählungen wie etwa der Schöpfungsgeschichte oder einer  Wiederauferstehung des Jesus von Nazareth heute zu halten? „Nichts enttarnt die Irrtümer der althergebrachten Erklärungsmodelle schonungsloser als die wissenschaftliche Erhellung der realen Sachverhalte“, ist Schmidt-Salomon überzeugt.

Göttliche „Schöpfung“? Wenn etwas daran sei, meint Schmidt-Salomon, würde sich der Schöpfergott in Anbetracht der realen Evolutionsentwicklung als äußerst miserabler „Designer“ (ein Modebegriff, den evangelikale „Kreationisten“ verwenden) mit einer „verheerenden Kosten-Nutzen-Bilanz“ erweisen. Keine Agentur würde einen solchen Designer beschäftigen, der als eifernder, bestrafender und rächender Gott zudem mit sehr unangenehmen Charaktereigenschaften ausgestattet sei. Das alttestamentarisch gezeichnete Bild eines Rachegottes, der bei Gelegenheit auch vor dem Befehl zum Genozid nicht zurückschrecke, erkläre außerdem einiges über die „Kriminalgeschichte des Christentums“. – „Wiederauferstehung“? Da handele es sich um eine christliche Übernahme heidnischer Mythologie: „Nicht nur die Göttersöhne Herakles und Dionysos mussten leiden, sterben, auferstehen wie der christliche Messias, das gleiche Auferstehungswunder glückte vor Jesus unter anderem auch dem babylonischen Tammuz, dem syrischen Adonis, dem phrygischen Attis sowie dem ägyptischen Osiris.“

Schmidt-Salomons Hauptargument gegen solche traditionellen Erzählungen: sie wiedersprächen dem Prinzip der „wissenschaftlichen Sparsamkeit“ widersprächen, das besage, nicht mehr unbewiesene Annahmen zur Erklärung eines Phänomens zu verwenden, als unbedingt erforderlich seien. Schmidt-Salomons Schlussfolgerung: „Wenn wir dieses Prinzip ernst nehmen, das sich als äußerst erfolgreich erwiesen hat, bleibt von diesen Mythen zu wenig übrig, um darauf noch eine Religion begründen zu können.“

Immer weniger Menschen könnten hierzulande mit solchen religiösen „Botschaften“ noch etwas anfangen und wendeten sich von den christlichen Kirchen ab, die Konfessionslosen bildeten mit derzeit 34,6 Prozent – Tendenz steigend – mittlerweile die größte Bevölkerungsgruppe. Dennoch sei der staatspolitische Einfluss der Kirchen ungebrochen, angefangen in den Schulen und Hochschulen über die Besetzung von Rundfunkbeiräten und in „religiösen Betrieben“  bis hin zum Sozial- und Gesundheitssektor. Schmidt-Salomon: „Es ist unzumutbar, dass die Großkirchen - neben der Kirchensteuer! - immer noch jedes Jahr öffentliche Subventionen in zweistelliger Milliardenhöhe kassieren“, obwohl doch der Staat laut Verfassung eigentlich zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet sei.

Schmidt-Salomon skizzierte abschließend Grundzüge einer zeitgemäßen Ethik, die sich an Prinzipien eines aufgeklärten Humanismus’ orientiere. „Sinn erwächst aus Sinnlichkeit“ erläuterte Schmidt-Salomon, anknüpfend an Lehren des griechischen Philosophen Epikur. Dass das Streben nach erfahrbarem persönlichem Wohlbefinden die Forderung nach Gerechtigkeit und die Sorge um das Gemeinwesen stets mit einschließe, verdeutlichte Schmidt-Salomon anhand einer internationalen Vergleichsstudie: Die relative Gleichmäßigkeit der Güterverteilung korreliere danach mit subjektivem Wohlempfinden jedes Einzelnen. „Die Nationen mit den zufriedensten Menschen sind zugleich diejenigen, die die ausgeglichenste Einkommensverteilung aufweisen.“ Überdies lebten die Menschen unter solchen Verhältnissen erwiesenermaßen deutlich länger!

An dieser Stelle ließe sich, von einigen Besuchern der Veranstaltung angemerkt, die herrschende neoliberale Umverteilungspolitik von unten nach oben kritisch betrachten. Eine Veranstaltung, die Anstöße zum Thema gab – und zu weiteren Fragen und anderen Sichtweisen anregen kann.
 

Carsten Schmitt


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